[Rezension] Die Sammlerin der verlorenen Wörter | Pip Williams

Titel:Die Sammlerin der verlorenen Wörter
Autorin:Pip Williams
Übersetzerin:Christiane Burkhardt
Format:Hardcover
Preis:22,00 €
Seitenzahl:528 Seiten
Verlag:Diana Verlag
ISBN:978-3-453-29263-5
Bewertung:4 Sterne

Rezensionsexemplar

Inhalt

Oxford, Ende des 19. Jahrhunderts. In Esmes Welt dreht sich alles um Wörter. Ihr Vater arbeitet als Lexikograph am ersten Oxford English Dictionary und Esme sitzt unter seinem Schreibtisch und liest all die heruntergefallenen Papiere neugierig durch. Was ihr recht schnell auffällt, scheinen die männlichen Gelehrten überhaupt nicht wahrzunehmen: alles, was verworfen und gar nicht erst ins Wörterbuch aufgenommen wird sind Begriffe, die Frauen betreffen.
Esme entschließt sich dazu ihre eigene Sammlung an Wörtern zu erstellen, die fernab der Universität auch wirklich gesprochen werden. So stürzt sie sich ins Leben, findet Gleichgesinnte, die Liebe und beginnt den Kampf um die Rechte der Frauen.


Wer von uns hat nicht mit dem Oxford English Dictionary gearbeitet? Ich kann mich in der Oberstufe an keine Klausur erinnern, an der ich nicht dieses dicke Wörterbuch neben mir liegen hatte. Umso neugieriger wurde ich als ich von „Die Sammlerin der verlorenen Wörter“ gehört habe. Ich habe mich, was die Entstehung des OED angeht überhaupt nicht ausgekannt und so war diese Geschichte auch gleichzeitig eine kleine Geschichtsstunde dieses Dictionarys. Die Entstehung erstreckte sich über mehrere Jahrzehnte und Pip Williams, die Autorin von „Die Sammlerin der verlorenen Wörter“ las ein Sachbuch über den Herausgeber des OED James Murray und seinem produktivsten freiwilligen Mitarbeiter Dr. William Chester Minor. Dort fiel ihr dann auf, dass Frauen bei der Erstellung des Wörterbuches mehr als nur deutlich unterrepräsentiert. Dies inspirierte sie unter anderem dazu, dieses Buch zu schreiben. Was vielleicht vorab wichtig zu wissen wäre: Esme, die Protagonistin, ist eine fiktive Figur. Doch sehr viele handelnde Personen haben tatsächlich am Wörterbuch gearbeitet und alle Bücher, OED Stichwörter, gestrichenen oder abgelehnten Wörter und Zitate, die in der Geschichte vorkommen, sind echt. Dies erklärt die Autorin in ihrem Nachwort auch noch ausführlicher. Es gibt auch noch eine Zeitleiste zum OED und den wichtigsten historischen Ereignissen im Roman, was ich wirklich toll und auch wichtig finde, um alles genau einordnen zu können.

Esmes Mutter ist sehr früh gestorben und deshalb begleitet das junge Mädchen ihren Vater sehr häufig ins Skriptorium. Bei der Erziehung mit seiner Tochter ist ihr Vater meist überfordert, was letztlich auch zeigt, dass er sie mit zu seiner Arbeit nimmt und nicht wirklich eine Beschäftigung für seine Tochter hat. Deshalb sitzt Esme oft unter dem Schreibstisch ihres Vaters und beginnt irgendwann die aussortierten Wörter im Koffer ihrer Freundin und Vertrauten Lizzie zu sammeln. Lizzie ist das Hausmädchen der Murrays, also der Familie, bei denen Esmes Vater arbeitet. Auch ihre Mutter verstarb früh, sie hat keine Bildung genossen und arbeitet deshalb im Haushalt der Murrays. Die Treffen mit Esme sind wie eine Auszeit für Lizzie, denn da spielt die Arbeit keine Rolle mehr.

Die Geschichte entfaltet sich recht langsam, was ich aber als sehr angenehm empfunden habe. Alles wird detailliert beschrieben und ruhig erzählt. Das passt letztlich nicht nur zum langsamen Entstehungsprozess des Dictionarys, weil auch hier jedes Wort und Zitat genaustens geprüft wird, sondern auch zu Esme als Protagonistin. Sie ist recht introvertiert und ruhig aber leider teilweise auch etwas unnahbar. Sie wird von ihrem Vater in ein Internat geschickt, was für sie eine schreckliche Erfahrung ist. Jedoch wird nie genauer thematisiert, was vorgefallen ist, alles wird nur angedeutet, was es für mich irgendwie schwierig gemacht hat so richtig an sie heranzukommen. Mir hat da einfach irgendwie der letzte Funke gefehlt, um komplett mitzufühlen und ihre Entscheidungen vollends nachvollziehen zu können.
Was der Autorin aber wirklich gut gelungen ist war, die Lebensgeschichte von Esme, immerhin begleiten wir sie sehr viele Jahre ihres Lebens, geschickt in die Geschichte der Frauenbewegung zu verstricken. Die Bezüge zu realen historischen Ereignisse werden klug mit eingebunden und bringen die Geschichte immer wieder voran.

Die anfängliche ruhige Erzählweise wird aber im Verlauf der Handlung von größeren Zeitsprüngen abgelöst und auch der Fokus verschiebt sich. Es wird deutlich, was Esme wichtig ist und was letztlich auch heute noch so wichtig ist: Wörter, die ausschließlich Frauen betreffen wurden zu dieser Zeit eben aussortiert und Esme hat diese gehütet wie ein Schatz. Doch nicht nur das: sie hat auch die Wörter in ihrem Koffer gesammelt, die sie auf dem Markt aufgeschnappt hat, die tatsächlich gesprochen werden, von den Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Wörter, die nicht schriftlich festgehalten werden. Im Buch lernen wir dann auch einige dieser Wörter kennen aber natürlich längst nicht alle, denn es wird hoffentlich deutlich: Esmes Koffer ist prall gefüllt.

Mit diesem Buch ist es Pip Williams gelungen die Macht der Worte noch einmal zu verdeutlichen. Gemeinsam mit Esme sind wir auf eine Reise geschickt worden, bei der wir die Schönheit aber auch die Relevanz von Wörtern und deren Bedeutungen kennengelernt haben. Die Liebe zur Sprache kommt mit jeder Seite heraus und das hat mir unwahrscheinlich viel Spaß gemacht. Auch den geschichtlichen Hintergrund hat die Autorin einfach toll verpackt, so hat sich das Buch in keiner Weise wie ein Geschichtsbuch angefühlt, das auf Biegen und Brechen noch Wissen vermitteln möchte. So habe ich viel gelernt und erfahren ohne dass es sich unnatürlich in die Handlung eingefügt hat. Grundsätzlich war der Schreibstil von Williams sehr angenehm und leicht zu lesen, ich flog (in meiner begrenzten Zeit) wirklich durch die Seiten.

Fazit

Das Buch hat mir Fragen beantwortet von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie mir gestellt habe. Ich fand es so spannend und interessant die Geschichte des Oxford English Dictionarys kennenzulernen und finde es auch sehr bewundernswert wie intensiv sich die Autorin mit dieser Thematik beschäftigt hat. Gleichzeitig bin ich (fast) immer ein Fan davon, dass die Frauenbewegung thematisiert wird, was in diesem Buch gut gelungen ist. Ich kann euch die Geschichte also wirklich nur ans Herz legen. Taucht mit Esme ein in die Welt der Wörter, denn sie ist es, die uns Buch-Menschen doch besonders begeistert.

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