[Rezension] Stamped & Gebrandmarkt | Ibram X. Kendi & Jason Reynolds

Titel:Gebrandmarkt – Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika
Autor:Ibram X. Kendi
Übersetzer*innen:Susanne Röckel & Heike Schlatterer
Format:Taschenbuch
Preis:20,00 €
Seitenzahl:604 Seiten
Verlag:C.H. Beck
ISBN:978-3-406-76448-6
Bewertung:5 Sterne

Werbung, Rezensionsexemplar

Inhalt

Der junge amerikanische Historiker Ibram X. Kendi erzählt in „Gebrandmarkt“ die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika. Er beginnt bei den Puritanern und geht bis in die heutige Black Lives Matter Bewegung. Er zeigt auf, dass Rassismus nicht nur aus Ignoranz und Hass aufgebaut ist, sondern auch dazu da ist, Diskriminierungen zu rechtfertigen und plausibel zu machen. Dieses Buch ist eine erschreckende Geschichte voller Gewalt, Dummheit und Arroganz und die bittere Bilanz dieses Buches lautet: die Vorstellung, dass Schwarze minderwertig sind und selber schuld an ihrer schlechten Lage, hat sich so tief in die kulturelle DNA der Vereinigten Staaten eingeschrieben, dass der Rassismus bis heute allgegenwärtig ist.


Als ich die Mail vom dtv Verlag erhalten und diese beiden Bücher dort gesehen habe, war klar, dass ich sie rezensieren möchte. Es ist so wichtig, sich immer und immer wieder mit Rassismus zu beschäftigen. Und man lernt, was dieses Thema angeht, einfach nie aus. Vor allem Own-Voice Bücher sind so wertvoll. Es hat dann doch etwas länger gedauert, dieses Buch bzw. diese Bücher zu beenden und doch kann ich schon jetzt eine klare Empfehlung aussprechen!

„Von rassistischen Ideen beeinflusst, war mir nicht vollständig klar, dass das Einzige, was mit schwarzen Menschen nicht stimmt, unser Glaube ist, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Es war mir nicht vollständig klar, dass das Einzige, was an weißen Menschen besonders ist, ihr Glaube ist, dass etwas an weißen Menschen besonders sei.“ (S. 19)

Ibram X. Kendi ist Professor für Geschichte und Internationale Beziehungen an der American University in Washington, D.C. und erzählt mit seinem Buch die Geschichte Schwarzer in Amerika. Von ihren Anfängen bis hin zur Gegenwart. Dieses Buch ist ungeschönt, detailliert und hat mir jederzeit den Eindruck vermittelt irgendwie vollständig zu sein. Ich habe, nach der Lektüre, das Gefühl, allumfassender informiert zu sein, als zuvor. Und das, obwohl Kendi nie den Anspruch erhebt tatsächlich die allumfassende Geschichte erzählt zu haben. Mit eindrücklichen Zitaten durchzogen wird mit diesem Buch ein Bild vermittelt, das man so schnell nicht wieder vergisst.

So ist bereits der Prolog mit statistischen Tatsachen gespickt, die mir eine Gänsehaut beschert haben und nur noch einmal verdeutlichen auf welchen langen Leidensweg Afroamerikaner zurückblicken und noch immer weiter durchleben. Noch heute ist ihr Leben tagtäglich von Benachteiligungen und Diskriminierungen geprägt. Bspw. liegt für einen jungen schwarzen Amerikaner die statistische Wahrscheinlichkeit von der Polizei getötet zu werden 21 Mal höher als für einen jungen Weißen. Auch die Wahrscheinlichkeit eines Gefängnisaufenthalts ist bei Schwarzen fünfmal höher als bei Weißen. Diese Unterschiede sind erschreckend und dennoch Normalität.

Für dieses Buch widmet sich Kendi fünf Biografien von Persönlichkeiten, die zu ihrer jeweiligen Zeit die ethnischen Vorstellungen und Ideen beeinflusst bzw. vertreten haben. Es geht um Cotton Mather, Thomas Jefferson, William Lloyd Garrison, W.E.B Du Bois und Angela Davies. Ich habe tatsächlich nur zwei dieser Persönlichkeiten tatsächlich gekannt und fand es umso interessanter und bereichernder in diesem Buch zu lesen, wie wichtig die Lebensläufe und Gedanken dieser fünf Personen für die Debatte zum Thema Rassismus sind bzw. waren.

Für seinen Bericht hat er eine sehr reizvolle Art der Umsetzung gefunden, denn er reiht im Grunde fünf Biographien von Persönlichkeiten aneinander, die zu ihrer jeweiligen Zeit die ethnischen Vorstellungen und Ideen beeinflusst oder vertreten haben. Konkret haben wir es mit Cotton Mather, Thomas Jefferson, William Lloyd Garrison, W. E. B. Du Bois und Angela Davies zu tun. Ich gestehe, dass mir manche der Namen zuvor nicht viel gesagt haben, umso interessanter war zu lesen, wie wichtig ihre Lebensläufe und Gedanken für alle maßgeblichen Debatten zum Thema Rassismus waren und sind.

Kendi schafft es aufzuzeigen wie systematisch Rassismus ist und wie wichtig es ist, sich damit auseinanderzusetzen, um die Strukturen zu kennen und zu verstehen, dass dies unbedingt geändert werden muss. Dabei müssen wir an den Anfang gehen, denn nur so kann die Thematik auch nur Ansatzweise durchdrungen werden. Auch wenn es zum Teil ermüdend war, so hat mir dieser Eindruck gerade noch mehr verdeutlicht, wie ermüdend das alles für BiPoC sein muss. Sie müssen sich tagtäglich damit beschäftigen. Sie müssen immer und immer wieder dieses Thema aufgreifen, verteidigen, für sich einstehen, erklären, kämpfen… es ist kräftezehrend und ich möchte meinen Teil dazu beitragen. Ich möchte nicht weiter blind durchs Leben laufen und ignorieren, was um uns herum so gewaltig schief läuft. Kendi klärt Fragen, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie hatte bzw. habe: Was versteht man unter ethnischer Ungleichheit oder schrittweiser Gleichstellung? Und wie war das mit der Kolonisation? Er stellt auch die Zusammenhänge von Sexismus und Rassismus vor, denn auch die Gleichheit der Geschlechter wird thematisiert. Gerade das ist unheimlich wichtig, denn Schwarze Frauen erfahren von beiden Seiten Diskriminierung.

Es wird deutlich wie rassistische Ideen immer und immer wieder verteidigt und gerechtfertigt wurden, wie Gesetze angepasst, Taten der „Überlegenen“ legalisiert und alles, was die Unterdrückten getan haben, kriminalisiert wurde. Es ist unverständlich, unglaublich, wie Menschen sich selbst für überlegen erklärt haben und sich für diese Gedanken die absurdesten Theorien ausdachten, um diese Überlegenheit dann zu rechtfertigen. Es gab so viele Stellen im Buch, bei denen ich so unglaublich wütend wurde und konnte irgendwann nicht mehr unterscheiden, was ich schlimmer fand: die Grausamkeit der beschriebenen Handlung oder die Argumente, mit denen diese dann gerechtfertigt wurde. Und all diesen Dingen müssen sich BiPoC noch heute stellen. Noch heute wird solches Gedankengut verbreitet, geteilt, unterstützt… und das ist schrecklich. Es ist so wichtig, dass das Thema Rassismus uns weiterhin begleitet. Dass wir uns endlich zurücknehmen und zuhören. Wir müssen etwas ändern. Wir müssen innehalten unser Verhalten überdenken und diese Strukturen nach und nach durchbrechen.

Sehr viele berühmte und wichtige Namen können in diesem Buch natürlich auch nicht fehlen, denn Martin Luther King, Malcolm X und Barack Obama haben einen wichtigen Teil zur Geschichte des Rassismus und auch der Vereinigten Staaten beigetragen. Mir hat aber bspw. die Geschichte von Rosa Parks gefehlt, die ich doch als recht wichtig empfinde. Auch Donald Trump und sein ewig langer rassistischer Lebenslauf wäre eventuell interessant gewesen. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass Kendi ihm einfach keine weitere Plattform bieten möchte.

Fazit

Dieses Buch ist wichtig. Es ist nicht leicht zu lesen und schwer zu verdauen aber bereichert das eigene Bücherregal enorm. Man muss sich mit der Geschichte des Rassismus auseinandersetzen, um helfen zu können die Strukturen zu durchbrechen. Es werden unglaublich viele Fragen beantwortet, es gab viel Neues, das ich zu lernen hatte und trotz, vielleicht gerade auch wegen, der teilweise schwer verdaulichen Inhalte, würde ich es jedem ans Herz legen.

„Die Zeit wird kommen, in der die Amerikaner erkennen werden, dass das Einzige, was an Schwarzen nicht stimmt, der Gedanke ist, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Die Zeit wird kommen, in der rassistische Vorstellungen uns nicht länger daran hindern, die völlige Abnormität rassistischer Ungleichheit zu erkennen.“ (S. 546f.)


Titel:Stamped – Rassismus und Antirassismus in Amerika
Autoren:Ibram X. Kendi & Jason Reynolds
Übersetzer*innen:Anja Hansen-Schmidt & Heike Schlatterer
Format:Hardcover
Preis:17,00 €
Seitenzahl:251 Seiten
Verlag:dtv
ISBN:978-3-423-64083-1
Bewertung:4 Sterne

Werbung, Rezensionsexemplar

Inhalt

Dieses Buch ist eine Art Zusammenfassung von „Gebrandmarkt“ für Jugendliche in kürzerer Form, verständlicher und leichter dargestellt. Es zeigt auf wo die Wurzeln des Rassismus liegen. Wie es kommt, dass dieser Stachel vor allem in den USA so tief sitzt. Jason Reynolds und Ibram X. Kendi erzählen fundiert und anschaulich die Geschichte des Rassismus und Antirassismus in Amerika. Sie zeigen, wie rassistisches Denken immer auch als Rechtfertigung für weiße Privilegien eingesetzt wurde, und geben eindrucksvolle Beispiele des Antirassismus. Ein zorniges Buch, manchmal hoffnungsvoll, immer engagiert, fesselnd und unterhaltsam.


„Stamped“ ist letztlich die kürzere Fassung von „Gebrandmarkt“, um dieses wichtige Buch auch für Jugendliche bzw. junge Erwachsene zugänglich zu machen. Es ist deutlich dünner, mit einer leichteren Sprache verfasst aber dennoch genauso aussage- und schlafkräftig wie das „Original“. Auch hier wird betont, dass es sich nicht um ein Geschichtsbuch handelt, obwohl das Buch ebenfalls viele Daten und Fakten zum Thema hat. Doch das ist bei einer geschichtlichen Darstellung des Themas Rassismus eben nötig, um alle Hintergründe richtig einordnen zu können. Dieses Buch schafft es, durch die Vergangenheit die Gegenwart besser verstehen zu lernen und das ist es auch, was die Autoren erreichen möchten.

Jason Reynolds ist es in meinen Augen wirklich wunderbar gelungen das 600 Seiten schwere Buch von Kendi in eine verständliche Sprache umzusetzen und auf knapp 250 Seiten zu verdeutlichen, was die Essenz von „Gebrandmarkt“ ist. Jungen Leser*innen soll es leicht fallen, Zugang zur Thematik zu finden, um sich reflektiert damit auseinandersetzen zu können. „Stamped“ kann hier nicht nur Anfang sein, sondern auch zur Weiterbildung verhelfen, wenn das Thema Rassismus nicht komplett neu ist.

Das Buch kann Augen öffnen, bewegen, informieren aber auch schockieren. Es ist mitreißend geschrieben und durch die teilweise humorvolle Sprache von Reynolds nicht zu erschlagend. Trotz der Schwere der Thematik hat das Buch einen Unterhaltungswert, was ich vor allem für Jugendliche doch sehr geeignet finde. Natürlich würde ich immer sagen: lest das Original. Aber wenn ich so an 12/13/14jährige denke, dann ist es für sie sicher schon schwer genug „Stamped“ zu lesen. Mit seiner Art zu schreiben und zu beschreiben schafft es Reynolds aber mit Sicherheit junge Leser*innen an sein Buch zu fesseln und die nachdrückliche Botschaft in dem Buch dennoch klar zu machen. Vor allem junge Menschen können unsere Zukunft gestalten und das sollen sie auch. Sie sollen die Chance erhalten laut zu sein und mit diesem Buch wird eine großartige Grundlage geschaffen, um dies zu ermöglichen. Auf moderne Weise wird der Thematik des Rassismus auf den Grund gegangen und ich denke auch für Erwachsene, die vielleicht nicht ganz so in die Tiefe gehen möchten, ist „Stamped“ sehr gehaltvoll.

Auch hier finden wir fünf Abschnitte, die jedoch nicht fünf Biografien folgen, sondern Zeitabschnitte darstellen. Die Struktur ist, wie bei „Gebrandmarkt“ auch: die Anfänge der USA bis hin zur Gegenwart. Es geht um die Geschichte des Rassismus und Antirassismus in Amerika, wobei auf die wichtigsten Ereignisse eingegangen wird und auch bedeutende Persönlichkeiten vorgestellt werden. Letztlich wird alles immer auf die Gegenwart bezogen und welche Auswirkungen die damaligen Geschehnisse noch heute haben.

Da ich zuerst „Gebrandmarkt“ gelesen habe und im Anschluss dann „Stamped“ bot mir die Jugendliche Ausgabe nicht mehr so viel Mehrwert, wie es das „Original“ getan hat, dennoch ist es kein Fehler gewesen, dieses Buch auch zu lesen. Es ist eben eine lockerere Version eines ernsten Themas. Auch hier ist die Relevanz überdeutlich zu spüren und mir fallen schon einige junge Leser*innen ein, denen ich das Buch definitiv ans Herz legen möchte.

Fazit

„Stamped“ ist vor allem für junge Leser*innen gedacht und eine tolle Umsetzung des von Ibram X. Kendis geschriebenen Werk „Gebrandmarkt“. Es klärt auf, fesselt an die Seiten und berührt gleichzeitig. Ich könnte mir das Buch im Schulalltag sehr gut vorstellen, denn es gibt so viele Stellen, über die man gemeinsam diskutieren könnte und die wichtige Anstöße zur Reflexion bieten. Das Buch kann sowohl ein Einstieg in das Thema, aber auch als ergänzende Lektüre gehaltvoll sein. Auch hier gibt es eine klare Empfehlung!

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