[Rezension] Southern Gothic – Das Grauen wohnt nebenan | Grady Hendrix

Titel:Southern Gothic – Das Grauen wohnt nebenan
Autor:Grady Hendrix
Übersetzer:Jakob Schmidt
Format:Klappbroschur
Preis:14,99 €
Seitenzahl:512 Seiten
Verlag:Heyne
ISBN:978-3-453-32139-7
Bewertung:2 Sterne

Rezensionsexemplar

Inhalt

Mit einem Workaholic als Mann und zwei Kindern, die zu launischen Teenagern geworden sind ist Patricia Campbell zu einer unzufriedenen Ehefrau und Mutter geworden. Als sie sich auch noch um ihre pflegebedürftige Schwiegermutter kümmern muss, fühlt sie sich von allen alleingelassen. Nur eines ist für Patricia ein Lichtblick: der Buchclub mit ihren besten Freundinnen. Dort kann sie ihrer Leidenschaft für True Crime ungehindert nachgehen.

Dann wird ihr Leben jedoch um hundertachtzig Grad gedreht, als Patricia von ihrer dementen Nachbarin attackiert wird und deren Großneffe James Harris in ihr Leben tritt. Er ist belesen, viel gereist und sieht dazu noch unverschämt gut aus. Als dann im weniger wohlhabenden Viertel der Stadt immer mehr Kinder verschwinden, beginnt Patricia misstrauisch zu werden. Was weiß sie wirklich über James Harris? Hat sie vielleicht einen Fehler begangen, als sie ihn in ihrem Haus und Leben willkommen hieß?


Als ich das Cover dieser Geschichte gesehen habe, war sofort mein Interesse geweckt. Der Klappentext hat mich ebenfalls von sich einnehmen können und so habe ich nicht lange gezögert und „Southern Gothic“ beim Bloggerportal angemeldet. Herzlichen Dank für die Bereitstellung des Leseexemplares!

Der Anfang des Buches hat mich direkt eingenommen. Ich fand Patricia eine recht interessante Figur, in der ich viel Potential gesehen hatte. Wir befinden uns inmitten der Südstaaten der 80er und 90er Jahre und das traditionelle Familienbild wird hier gelebt: Vater, Mutter, Kind. Der Vater bringt das Geld nach Hause, die Mutter ist nur dazu da zu putzen, zu kochen und die Kinder zu erziehen. Bereits zu Beginn des Buches wurde deutlich, dass Patricia mit diesem Leben eigentlich nicht zufrieden ist. Sie vermisst ihre Arbeit als Krankenschwester sehr, fühlt sich gelangweilt und gleichzeitig gestresst was die alleinige Verantwortung für die beiden Kinder anbelangt. Ihr Mann Carter ist ihr keinerlei Hilfe, was mir von Anfang an sauer aufgestoßen ist. Der Buchclub ist das einzige, was Patricia dazu bringt sich gegen das traditionelle Leben aufzubegehren, denn die Lektüre über wahre Verbrechen und Serienkiller bringen ihr den fehlenden Kick im Leben. Sie genießt es, sich mit ihren Freundinnen darüber auszutauschen und sich auch so mal, losgelöst von ihren Männern, zu unterhalten.

Der erste spannende kleine Höhepunkt war der Moment, als Patricia aus dem Nichts von ihrer Nachbarin angegriffen wird. Zunächst fand ich die Beschreibungen teilweise sehr abstoßend und unpassend. Es war mir einfach etwas zu viel und zu detailliert. Anschließend lernt die Hausfrau ihren neuen Nachbarn James Harris kennen, der eigentlich seine Großtante pflegen wollte. Patricia fühlt sich auf seltsame Weise zu ihm hingezogen. Er war jung, gutaussehend, geheimnisvoll und schenkte ihr Aufmerksamkeit, die sie von ihrem Mann so schmerzlich vermisste. Sie hat irgendwie das Bedürfnis Zeit mit ihm zu verbringen. Doch kaum ist James Harris in der Stadt aufgetaucht häufen sich seltsame Ereignisse. Nicht zuletzt benimmt sich Miss Mary, die Schwiegermutter von Patricia, in der Gegenwart von James Harris noch seltsamer als sonst. Sie scheint ihn mit jemandem aus ihrer Vergangenheit zu verwechseln, wirkt jedoch zunehmend verstört von ihm.
Diese Ereignisse haben mir natürlich die nötigen Hinweise bereits geliefert, um James Harris zu verdächtigen. Patricia jedoch verschließt ihre Augen komplett davor. Sie tut alles ab, was die alte Dame sagt und nimmt sie nicht wirklich für voll. In einer realen Situation würde es mir wahrscheinlich auch nicht anders gehen, doch spätestens nach einem schrecklichen „Überfall“, den ich hier nicht näher ausführen möchte, und der den Tod von Miss Mary zur Folge hatte, hätte ich ganz anders auf den Mann geschaut. Patricia jedoch verschließt weiter die Augen, bis sie mit den verschwundenen Kindern konfrontiert wird und etwas herausfindet, das ihr das Blut in den Adern gefrieren lässt. Sie versucht ihre Freundinnen davon zu überzeugen und als sie genügend Indizien gesammelt haben und zur Polizei gehen wollen werden sie von ihren Ehemännern gestoppt.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt war das Buch für mich gelaufen. Das Buch hat nur noch den puren Sexismus reproduziert. Die Frauen wurden von ihren Männern klein gehalten, für dumm verkauft, erniedrigt, geschlagen, gedemütigt und nicht für voll genommen. Sie wurden alle als Dummchen hingestellt, die sich aufgrund ihrer Lektüreauswahl in etwas verrannt hatten, das nicht real war. Sie alle sollten sich bei James Harris entschuldigen, der natürlich prompt auf der Bildfläche auftauchte. Schließlich war er ein wohlhabender ernstzunehmender weißer Mann, der ihnen allen half irgendwelche Geschäfte zu machen. Keine der Frauen hatte eine Chance, ihre Männer verboten ihnen den Mund, unterstellten ihnen fast schon Wahn. Und das in den 1990er Jahren.
Ich darf wohl erwarten, dass ein Buch, welches 2021 erscheint, nicht mehr mit solchen Rollenstereotypen um sich werfen muss. Noch dazu auf diese krasse Art und Weise. Ja in den 1990er Jahren waren diese Stereotypen noch viel gefestigter als heute, doch ganz ehrlich, in diesem Buch geht es um Vampire, wieso also nicht auch ein wenig Gleichberechtigung einbauen? Oder Situationen auf andere Weise lösen, als mit den alles beherrschenden Männern, die sowieso alles besser wissen?

Noch dazu kam ein weiterer Punkt, der mich immens gestört hat. Es scheint so, als wäre der besagte Vampir nicht nur ein Vampir, sondern auch noch ein Rassist. Denn, oh Wunder, er griff fast ausschließlich schwarze Kinder an. Was natürlich dann den white saviourism zum Vorschein brachte, denn die Hausfrauen versuchten sich gegen das Monster zu stellen, um die armen, ungebildeten und in schlechten Verhältnissen lebenden Schwarzen zu retten. Es war einfach schrecklich. Erst im Nachgang fiel mir auch auf, wie grundsätzlich BiPoC in diesem Buch dargestellt bzw. behandelt wurden: als gesichts- und teilweise auch namenlose Dienstleister*innen, die hauptsächlich für die reichen Weißen zu putzen hatten. Einzig Mrs. Greene bekam ein Gesicht aber auch nur im Kontext ihrer Bitte an Patricia ihr zu helfen, da sie als Schwarze sowieso nicht ernst genommen werden würde. Gerade diese Details fand ich einfach unnötig. Wieso sind die BiPoC nur dazu da, um vom Vampir getötet zu werden? Wieso müssen sie in ärmlichen und schrecklichen Verhältnissen leben? Es wird mir wohl nie in den Kopf gehen. Auch hier greift wieder das Argument: in dem Buch gibt es Vampire, wieso also nicht eine mittelständische BiPoC Familie, die nicht durch Putzjobs ihren Lebensunterhalt bestreitet?

Was mich im Nachhinein auch mit wenig Begeisterung erfüllte waren die Charaktere an sich. Was ich an Patricia zunächst spannend und interessant fand, hat sich nach und nach in eine farblose Frau verwandelt. Sie sagte ja und amen zu allem, was ihr Mann ihr vorschlug. Sie wurde nahezu willenlos und ordnete sich einfach unter, ohne selbst über irgendetwas nachzudenken. Sie verhielt sich ihren Kindern gegenüber absolut seltsam und (auch wenn ich von Kindererziehung wirklich nichts verstehe) hat sie diese auch einfach seltsam erzogen. Viele Gespräche liefen in eine seltsam unangenehme Richtung und ich habe manchmal etwas Fremdscham verspürt.
Je weiter das Buch fortschritt, desto eindimensionaler wurde die Protagonistin, bis fast nichts mehr von ihr übrig war. Ich wurde an den spannendsten Seiten eher gelangweilt, als wirklich unterhalten.
Das einzige, was ich Grady Hendrix wirklich zugute halten muss ist, dass mir der Schreibstil wirklich gut gefallen hat. Ich mochte die Art, wie Dinge beschrieben wurden, allerdings nicht alles, denn er neigt eindeutig dazu brutale und ekelhafte Szenen en Detail darzustellen. Darauf hätte ich öfter verzichtet. Allerdings kann man sich durch diese guten Beschreibungen auch alles sehr gut vorstellen, was durchaus ein Vorteil sein kann.

Fazit

Alles in allem ist „Southern Gothic“ ein sexistisches und rassistisches Buch, das den Protagonist*innen jegliche Farbe nimmt, sie zu eindimensionalen Figuren macht, die keinerlei selbstständiges Denken vermögen. Je weiter ich in dem Buch voran kam, desto schlimmer wurde der Eindruck. Die Handlung ergab für mich teilweise kaum mehr richtigen Sinn und meine Wut über viele der Kapitel überwog. Ich konnte das Buch vor allem am Anfang genießen, doch nach knapp 200 Seiten war dieser Genuss für mich vorbei. Sehr schade, denn ich hatte wirklich große Hoffnungen.

3 Gedanken zu “[Rezension] Southern Gothic – Das Grauen wohnt nebenan | Grady Hendrix

  1. Silke schreibt:

    Das Buch spielt zwar in den 90ern, aber im tiefsten Süden der USA. Die Annahme, dass es dort damals keine so ausgeprägten, sexistischen Rollenverteilungen in Ehen und nicht so krassen Rassismus gab, halte ich für einen Trugschluss. Der deutsche Titel Southern Gothic spielt ja schon auf ein Genre der Literatur an, dass sich oft mit den verfehlten Moralvorstellungen der Südstaaten beschäftigte…

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    • Anna schreibt:

      Klar, sind dort diese Rollenverteilungen ausgeprägter als vielleicht anderswo gewesen bzw. teilweise noch immer so.. Aber ich kann doch eigentlich von einem Buch, welches 2021 erscheint, eine etwas andere Darstellung erwarten. Für mich zählt das „damals war das halt so“ nicht, weil die Thematik der gesamten Geschichte um Vampire kreist…

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      • Silke schreibt:

        Aber warum sollte ein Buch, das vor 30 Jahren spielt, die Realität darstellen wir sie heute ist? Ich finde das Buch thematisiert den Sexismus gut und am Ende werden Entscheidungen getroffen, die noch bestätigen, dass viele Menschen in diesem Buch sexistisch sind und das nicht sein muss (aber aus Spoiler -Gründen gehe ich hier nicht darauf ein). Ich empfand es als sehr gute Darstellung, wie Hausfrauen und Mütter damals (und sicher vielorts auch heute noch) zu Unrecht nicht ernst genommen werden.

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